Prof.-Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
HHL-VerlagImpressumInterviews-Vorträge
Gesamtverzeichnis der PersonenGesamtverzeichnis der OrteRezension-Rezeption
  Prof. Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
Leerer Str. 6
48155 Münster
 
Die Kindlein spotten meiner schier
Hergemöller, Bernd-Ulrich: Die Kindlein spotten meiner schier : Quellen und Reflexionen zu den Alten und zum Vergreisungsprozess im Mittelalter / Bernd U. Hergemöller. - Hamburg : HHL-Verlag, 2006. - 167 S. : Ill. ; 24 cm, 420 gr.
(Hergemöllers historiographische Libelli ; 4)
Literaturverz. S. 138 - 155
ISBN 3-936152-06-3 kart.

Rückumschlag mit einem Photo von Carius Novàk.

Dieses Buch führt in die Dimensionen einer mediävistischen Erforschung des Alters ein und eröffnet damit ein neues Forschungsfeld aus dem Bereich der historischen Anthropologie und Mentalitätsgeschichte. Es erläutert die verschiedenen theologisch-philosophischen Versuche, das menschliche Leben in Phasen einzuteilen, berechnet die durchschnittliche Lebenserwartung von Elite-Gruppen und stellt sodann (jeweils in Originalsprache und Übersetzung) zahlreiche weltliche und religiöse Stimmen vor, die sich mit den sozialen und moralischen Aspekten des Alterns beschäftigt haben. Die Fragen, ob es einen "Ruhestand" gegeben hat und mit welchen symbolischen Zuschreibungen die "transitorische Phase" zwischen letaler Krankheit und Tod belastet wurden, werden komprimiert erläutert. So werden Einsichten eröffnet, die angesichts der aktuellen Debatte um die "Überalterung" der Gesellschaft und die Alterskultur von großem Interesse sind: zum Beispiel die, daß von "dem" Alter nicht die Rede sein kann, sondern daß es hinsichtlich der Lebenserwartung große Unterschiede zwischen den Geschlechtern und zwischen den verschiedenen Ständen gegeben hat, oder die, daß die Alten im Mittelalter weniger mit Respekt und Empathie denn vielmehr mit Schimpf, Tadel und Belehrung überhäuft wurden. Zusammenfassende Thesen, die sich insbesondere kritisch mit Schirrmachers Bestseller auseinandersetzen, schließen den Text ab. Eine exakte Bibliographie sowie ein ausführliches, mit Todesdaten ausgestattetes, Personenregister erleichtern die Benutzung. Die von Dipl.-Bibl. Martin Novàk-Rutrich digitalisierten Abbildungen werden als bildliche Quellen mit eigener Aussagekraft verstanden und entsprechend erläutert.


Inhalt


Vorwort
Verzeichnis der Abbildungen

Einleitung

1. Die "Lebensalter"
1.1. Das "Psalmistenalter"
1.2. Die Zahlen-Schemata
1.2.1. Einheitsschema
1.2.2. Zweierschema
1.2.3. Dreierschema
1.2.4. Viererschema
1.2.5. Fünfer- und Sechserschema
1.2.6. Siebenerschema
1.2.7. Dezimalsystem

2. Statistische Befunde und Betrachtungen
2.1. Kaiser und Könige
2.2. Gemahlinnen der Kaiser und Könige
2.3. Erzbischöfe und Bischöfe
2.4. Päpste (von Innozenz III. bis Julius II.)
2.4.1. Amtszeit
2.4.2. Lebensalterzeit
2.4.3. Relation von Amtszeit und Lebensalter
2.5. Bürgertum (Archäologische Quellen)

3. Gebrechen und Moral
3.1. Bibel und Antike
3.2. Exegese. Beispiel: Jean Hesdin
3.3. Literatur. Beispiele aus Versepik und Liederdichtung
3.3.1. Ruodlieb
3.3.2. Oswald von Wolkenstein

4. Altersrollen
4.1. Unechte Altersrollen und Berufskontinuität
4.1.1. Großeltern
4.1.2. Künstler
4.1.3. Wissenschaftler
4.1.4. Weltliche Amtsträger
4.1.5. Geistliche Amtsträge
4.2. Reale Altersrollen
4.2.1. Politik
4.2.2. Religion und Kirchen
4.2.2.1. Altes und Neues Testament
4.2.2.2. Urchristentum
4.2.2.3. Mittelalterliche Kirche
4.2.2.4. Zeitalter der Glaubenskämpfe

5. Die transitorische Phase: Zwischen Leben und Tod
5.1. Beispiel I: Karl der Große (747 bis 814)
5.2. Beispiel II: Ludwig XI. von Frankreich (1423 bis 1483)
5.3. Beispiel III: Karl V. (1500 bis 1558)
5.4. Rückschlüsse auf die Nicht-Prominenten?

6. Versorgung und Ruhestand
6.1. Frau und Familie
6.2. Ausgedinge, Leibzucht, Spital
6.3. Versorgung von Sondergruppen

7. Veräußerlichung des Lebensalters
7.1. Religiöse Kunst: Alte Heilige
7.2. Weltliche Kunst
7.2.1. Die Lebensalter
7.2.2. Der Minnegreis und das Altweib

8. Belehrung und Konflikt
8.1. Altenbelehrung (weltlich)
8.2. Altenbelehrung (geistlich)
8.3. Konflikte zwischen Alt und Jung
8.3.1. Generationskonflikte im familiären Bereich
8.3.2. Konflikte im öffentlichen Raum
8.4. Alte Weiber, alte Hexen

Alte in Mittelalter und Gegenwart: auf dem Weg zu einer Alterskultur
Anmerkungen
Literaturverzeichnis (Quellen und Darstellungen)
Personenindex
Nach oben



Vorwort

Die Gerontologie, so lehrt es der "Pschyrembel", das "Klinische Wörter-buch" in seiner 259. Auflage, ist jene Wissenschaft, "die sich mit den biolo-gischen, somatischen, psychischen und sozialen Grundlagen des Alterns beschäftigt." Die Dimensionen einer historischen Erforschung der Thematik werden somit gar nicht erst in Betracht gezogen. Aber auch die deutschsprachige Mediävistik hat sich des Bereichs des Alterns und der Alten im Mittelalter noch nicht recht angenommen: So wurde bei der Konzeption des "Lexikon des Mittel-alters" das Thema offenbar als solches nicht berücksichtigt, so daß das Lemma 'Alter' nur mit ein paar Bemerkungen zu den Altersstufen gefüllt wurde. Trotz des allgemeinen Interesses an der mediävistischen Anthropologie und trotz der geradezu überwältigenden Gegenwartsrelevanz der Gerontologie wurde die Altersthematik in der deutschen Mittelalterforschung (im Unterschied zur Althistorie und zur Neuzeitgeschichte) bislang bis auf ein paar knappe Aufsätze ausgespart.

Daher war es notwendig, die verschiedenen historischen Bausteine, die Quellen, allererst zusammenzutragen und trotz ihres diversitären Charakters zu einer systematischen Darstellung zu verbinden. Damit sollten zumindest kleine Ausschnitte aus den vielfältigen Geschichten des Mittelalters vorgestellt und Anstöße zu weiterführenden detaillierten Monographien gegeben werden.

Mein Dank gilt in erster Linie den Teilnehmenden meines Hamburger Hauptseminars vom Wintersemester 2004/2005, die mit großem Eifer ein inhaltliches Neuland betreten haben. Diejenigen, die eigenständige Ideen und weiterführende Literaturtitel beigesteuert haben, werden im bibliographischen Teil dieser Arbeit ausdrücklich nachgewiesen.

Ein Dankeschön geht auch an Herrn Kollegen Dr. HATJE für fachliche Hinweise auf die reformationsgeschichtliche Begrifflichkeit sowie an den Doktoranden Herrn Dirk BROSCHEIT für Erläuterungen zu den eidetischen Quellen. Die technische Betreuung von Text und Abbildungen lag in den Händen von Dipl.-Bibl. Martin NOVÀK-RUTRICH, dem ich ebenfalls herzlich danke.

Hamburg, im "Sommer" 2005

Der Verfasser
Nach oben
Nach oben