Prof.-Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
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  Prof. Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
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Die Freunde des Boesen
Hergemöller, Bernd-Ulrich: Die Freunde des Bösen : Malographie, schwarze Legende und Hate Crime im Mittelalter / Bernd-Ulrich Hergemöller. - Hamburg : HHL-Verlag, 2007. - 180 S. : 10 Abb. ; 242 mm x 166 mm, 400 gr.
(Hergemöllers Historiographische Libelli ; 5)
Literaturverz. S. 137 - 155
ISBN 978-3-936152-07-4 Kt.
ISBN 3-936152-07-1 Kt.



INHALT


VORWORT
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
PFUI DEIBEL

1. DIE "SCHWARZE LEGENDE" IN DER THEORIEDEBATTE DES 20. JAHRHUNDERTS
1.1. Juderías und die "leyenda negra": kollektive Politisierung
1.2. Foucault und die "légende noir": individuelle Diskursivierung

2. DIE "GOLDENE LEGENDE" ALS ORT DER "SCHWARZEN LEGENDE"
2.1. Die "Goldene Legende" und die "Apokryphe Geschichte"
2.2. Hagiographie als Ort der "Malographie"
2.3. Die "Historia Apocrypha": Drei böse Helden
Kaiser Julian Apostata
Präfekt Pontius Pilatus
Kaiser Nero
2.4. Topische Elemente der "Historia Apocrypha"

3. CHRONOLOGIE DER "SCHWARZEN LEGENDEN" VON DER ANTIKE BIS ZUR FRÜHNEUZEIT
3.1. Grundlage: Altes und Neues Testament
3.2. Laktanz: De mortibus persecutorum
3.3. König Chindaswinth in dem Epitaph Eugens von Toledo
3.4. Die heillose Welt der Papstvatizinien (um 1300)
3.5. Die antisodomitischen Derivationen
3.6. Zur typologischen Gestaltung der Bilder des Bösen

4. HISTORISCHE REPRÄSENTANTEN DES "BÖSEN" UND DIE HEUTIGE HISTORIOGRAPHIE
4.1. Johannes XXIII. Baldassarre Cossa, Papst (1410 bis 1415)
4.2. Gilles de Rais, Marschall von Frankreich (gestorben 1440)
4.3. Vlad Tepes Draculya, Fürst der Walachei (1447, 1456-1462, 1476/77)

5. ZUSAMMENFASSENDE ÜBERLEGUNGEN: REALITÄT – KONSTRUKTION – REZEPTION

LITERATURVERZEICHNIS (QUELLEN UND DARSTELLUNGEN)
PERSONENINDEX
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VORWORT

Der Gedanke, meine vielfältigen Begegnungen mit dem Bösen zu einem theoriefähigen Konzept zu verarbeiten, verdichtete sich ab 2002 im Zusammenhang mit der Wiederbelebung der Hitler-Debatten. Es folgten ein Hauptseminar über "Malographie" im Mittelalter an der Universität Hamburg, aus dem einige recht selbständige Beiträge hervorgingen, sowie eine Vorlesung im Wintersemester 2004/2005.
Meine damaligen studentischen Mitarbeiter und jetzigen Doktoranden Benjamin TIEDEMANN und Nicolai CLARUS besorgten die Literatur- und Abbildungsrecherche und gaben mir darüber hinaus wichtige Anregungen. Die Doktorandin Frau Ingeborg BRAISCH erforschte das Tyrannenbild und die Heiligenlegenden auf der Suche nach typologischen Parallelen.
Die Formatierung und Endgestaltung lag wiederum in den bewähr-ten Händen von Dipl.-Bibl. Martin NOVÀK-RUTRICH. Ihnen allen gilt es herzlich zu danken.

Hamburg, im April 2007

Der Verfasser
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PFUI DEIBEL!

Pfui Deibel! Mit diesem derben Fluch wird im Norddeutschen alles kommentiert, was nach Unzucht und Gemeinheit riecht. Daß damit der Böse auf den Plan gerufen wird, die Schlange des Paradieses, der hebräische Scheitan, der griechische Diabolos, der lateinische Lucifer, die apokalyptische Bestie oder die Weltbeherrscher der Finsternis, bleibt verborgen. Täglich werden wir, ohne Sinn und Verstand (das heißt: ohne es wahrzunehmen und zu reflektieren), mit Versatzstücken und sprachlichen Elementen des Bösen konfrontiert; wir werden mit Nachrichten und Bildern überflutet, die uns über neue Erscheinungsformen grausamer Strukturen und blutiger Einzeltaten informieren. Das "Böse", sofern es in Wort und Bild gefaßt wird, übt dabei offensichtlich eine besondere Faszination aus: Es überzieht diejenigen, die diese Texte und Filme in Massen konsumieren, mit der Gänsehaut des Entsetzens, und verschafft jenen, die sich dieser Taten schuldig gemacht haben, einen populären Nimbus des "schwarzen Helden".

Das "Böse in der Geschichte" gehört somit zu jenen Bereichen, deren Relevanz und Gemeininteresse keiner näheren Begründung zu bedürfen scheint. Und dennoch wurde diese Thematik in der deutschen Mittelalterforschung bislang weitgehend ausgeklammert; sie wurde auf die traditionelle wertneutrale Rekonstruktion politischer Aktionen verlagert beziehungsweise jenen Disziplinen überlassen, die sich dessen schon von berufs wegen annehmen müssen: Die Theologen pflegten das Böse mit der Bibel in der Hand zu kommentieren, mit der Theodizeefrage zu koppeln oder auf die pastorale Alltagspraxis zu übertragen, so beispielsweise in einem Sammelband Teufel, Dämonen, Besessenheit, der 1978 von (den heutigen Kardinälen) Walter KASPER und Karl LEHMANN veröffentlicht wurde. Und selbst noch im Jahre 2003, in der Publikation Das Böse in der Geschichte, dominieren die Theolo-gen, die, sorgfältig nach Konfessionen getrennt, die Geduld der Leser mit ihren hausbackenen Antworten strapazieren. Der einzige Mediävist, der in diesem Sammelband vertreten ist, Peter SEGL, hat sich jedoch wie kaum ein zweiter um die "Agenten des Bösen" gekümmert und somit die Forschungen zu den "Ketzern" und "Hexen" sowie zu deren inquisitorischer Verfolgung vorange-trieben, und der Autor dieser Zeilen selbst hat in der Monographie Krötenkuß und schwarzer Kater (1996) ausführlich die literarische Konstruktion und Rezeption einer angeblichen Sekte von unzüchtigen, idolatrischen Kröten- und Katerverehrern analysiert, die in den päpstlichen Schreiben Vox in Rama von 1233 geschildert werden. Diese Forschungen bewegen sich auf der Ebene der theoretischen Überzeugung, daß diese "bösen" Gestalten, die Ketzer(innen), Zauberer und Hexen, weitgehend fiktionalen Charakter tragen und somit als Produkte der narrativen Konstruktion und literarischen Rezeption erklärbar und verständlich gemacht werden können. Diese Dekonstruktion objektiver Darstellungsmethoden fällt zeitlich zusammen mit jener Theorie-Epoche, die seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts allgemein als "Postmoderne" bezeichnet wird. Sie wird geprägt von der Vorstellung, daß die Grenzen zwischen Literatur und Historiographie verflüssigt werden müssen und daß die einzige Realität des Historikers jener Raum der Diskurse sein soll, in der die Frage nach dem "eigentlich Gewesenen" verboten und die Arbeit des Begriffs auf die reinen Texte zurückgeworfen wird. Der Althistoriker Tobias ARAND, der diesen Maßgaben des Dekon-struktivismus' entschieden gefolgt ist, hat seine interessante Dissertation über den Tod der "bösen" römischen Kaiser (2002) folglich nicht mehr nach den Personen der Imperatoren, sondern nach den Namen der Historiographen aufgebaut, so daß sich der Leser die einzelnen Herrscher wieder mosaikartig zusammen-suchen muß: Wahrheit und Wirklichkeit der bösen Taten werden auf diese Weise aus der Wissenschaft verbannt und in den Raum der bunten Phantasie verwiesen.
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Nun waren aber diejenigen, die andere ermordet haben, keine Texte, und jene, die gefoltert wurden, keine Diskurse. Die Mechanismen der Unterdrückung sind nicht identisch mit den Strukturformen der Konstitutionsebene, sondern mit den Praxis-formen der Realitätsebene, geprägt von kollektiver Repression und subjektiver Leiderfahrung. Der Gedanke, daß die dekonstruk-tivistische Theorie nicht der Wahrheit Sieg sein kann, da sie keine Möglichkeiten mehr läßt, sich vom Schollenzwang der Textschau zu befreien, war ausschlaggebend für die Gestaltung dieses Büchleins. Er verbindet sich mit dem Wunsch, zur Aufhebung der Postmoderne beizutragen, und zwar im doppelten Sinne: im Sinn des tollere, das jenseits der Dekonstruktion neue Formen der Konstruktion zu finden sucht, sowie in dem Sinn des conservare, das danach strebt, das Gute zu bewahren und die Schlacken des Unbrauchbaren auszubrennen.

Zu diesem Behufe schien es notwendig, neue Begriffe zu verwenden, oder, um auf der proverbialen Ebene zu bleiben, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. (Die "alten Schläuche" wären demnach die Toten der Geschichte, deren Zahl weder vermehrt noch verringert werden kann). Die Termini 'Malographie' und 'Schwarze Legende' klingen ungewöhnlich, da sie bislang noch keinen Eingang in die historiographische Theoriebildung gefunden haben. 'Malographie' stellt in der Tat eine Neuprägung dar, die ich selbst vor ein paar Jahren (2002) gebildet habe, weil ich (im Kontext eines Kursbuch-Beitrages über "Hitler und andere Böse") nach einer passenden Analogie für das bekannte Wort 'Hagiographie' gesucht habe. Der Begriff setzt die These voraus, daß neben der Gattung der Hagiographie, der Schreibung über Heilige, auch eine gegenläufige Textgattung, die des Schreibens über Böse und Böses, existiert, und zwar sowohl im Bereich der Quellen als auch im Bereich der Historiographie.
Mit dem Begriff 'Schwarze Legende' verhält es sich dagegen anders, da dessen "Erfindung" konkret datiert werden kann: Es handelt sich um einen Neologismus des spanischen Publizisten JUDERIAS von 1913, der später, um 1978/79, unter anderen Vorzeichen, von dem französischen Soziologen und Philosophen Michel FOUCAULT wieder aufgenommen wurde. Zumindest FOUCAULT macht deutlich, daß es sich um eine Analogiebildung zu "Goldene Legende" (Legenda Aurea des JACOBUS DE VORAGINE), zu der umfangreichsten und erfolgreichsten Legendensammlung des Mittelalters, handelt.

Abstrakte Begriffe wie "böse Helden" oder "schwarze Helden" sind allerdings älteren Datums. Schon LA ROCHEFOUCAULD prägte im 17. Jahrhundert den Aphorismus: "Es gibt Helden im Bösen wie im Guten." Offenbar wollte der witzige Herzog damit andeuten, daß die Begriffe 'gut' und 'böse' von der Wertung durch ihre Zeit-genossen abhängen und daß es nicht wenige allgemein gefeierte und anerkannte Helden gibt, die ebenso viel Böses getan haben wie diejenigen, die allgemein zu den Bösen gerechnet werden: "Es gibt Verbrechen, die unschuldig, ja sogar ruhmreich werden durch ihren Glanz, ihre Zahl und ihre Größe; daher kommt es, daß die öffentlichen Diebstähle 'Heldentaten' genannt werden und daß ohne jedes Recht Provinzen-wegnehmen 'Eroberungen machen' heißt."

Welches sind die spezifischen Charakteristika, durch die sich die "Malographie" von der Hagiographie oder der politischen Ereignisgeschichte unterscheidet?
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1. Erstens ist es der "Schauder des Entsetzens". Offensicht-lich ruft die Darstellung des Bösen spontan und allgemein wesentlich größeres Interesse hervor als die des Guten.
Diese Aussage trifft in jedem Fall auf die aktuelle bundesdeutsche Gegenwart zu. Denken wir an die HITLER-Renaissance, die seit Jahren die Medien in ihren Bann schlägt und das Publikums-interesse fesselt. Das Buch des Bremer Neuzeitlers Lothar MACHTAN Hitlers Geheimnis, das das Ziel hatte, HITLER einem (sexualwissenschaftlich antiquierten) ontologischen Begriff des Homosexuellen zuzuordnen, wurde allein in den ersten sechs Monaten nach Ersterscheinen rund 50.000 Mal verkauft, und der Kinofilm Der Untergang über die letzten Tage im Berliner Führerbunker (mit Bruno GANZ in der Titelrolle) lockte in den ersten drei Wochen rund drei Millionen Menschen in die Lichtspielhäuser. Selbst der Autor, auf dessen Buchvorlage dieser Film basiert, Joachim FEST, zeigte sich angesichts dieses Erfolges sprachlos und sagte in der Presse (vom 19. Oktober 2004), er könne keine Erklärung für diesen Wirbel geben.
Die tieferen Ursachen für die Prädeliktion der Bilder des Bösen sind vermutlich in den Bereichen der kollektivpsycho-logischen Phänomene zu verorten: Jede Darstellung, sofern sie dramatisch, lebendig und verständlich ist, ruft zu einer subkutanen, uneingestandenen Identifizierung mit dem Titelhelden auf. Dieser spricht die geheimen Neigungen und Wünsche an, ungestraft (im Besitz einer "licence to kill") Böses tun und andere Menschen quälen zu können, ohne mit deren Gegenwehr rechnen zu müssen. Diese Einsichten über Verstrickungen in eigene sadistische Gefühle werden aber von dem guten Gewissen und dem Anspruch auf Bildung überlagert, schließlich auch von der Neigung, mit dem Schauder des Entsetzens kommerzielle Erfolge zu erzielen und Arbeitsplätze zu schaffen. Es handelt sich um subtile Mechanismen, die bereits Friedrich NIETZSCHE in seiner Aphorismensammlung Menschliches-Allzumenschliches aufgedeckt hat:
"Das Harmlose an der Bosheit. Die Bosheit hat nicht das Leid des Andern an sich zum Ziele, sondern unsern eigenen Genuss, zum Beispiel als Rachegefühl oder als stärkere Nervenaufregung. Schon jede Neckerei zeigt, wie es Vergnügen macht, am Andern unsere Macht auszulassen und es zum lustvollen Gefühle des Ueber-gewichts zu bringen. Ist nun das Unmoralische daran, Lust auf Grund der Unlust zu haben? Ist Schadenfreude teuflisch, wie Schopenhauer sagt?...."

2. Zweitens wird statt selbstkritischer Reflexion häufig ein didaktisch-moralischer Aufwand inszeniert, der als verstärkender Reflex auf den Erfolg dieser medialen Produktion zurückwirkt. Der Darstellung des Bösen, sofern sie künstlerisch und ästhetisch auf einem hohen Niveau befindlich ist, wird der Effekt zugeschrieben, aus dem Negativen Erkenntnisse über die Vergangenheit abzu-leiten, die zu Lehren für die positive Zukunft gestaltet werden sollen. Wie dieser Mechanismus wirken soll, der an die Theorien über die Katharsis erinnert, hat aber noch keiner der Pädagogen und Theologen zufriedenstellend erklärt. Zugleich wird das theologische Interesse reaktiviert, weil jede Darstellung des absolut Bösen die Frage nach dem Absoluten und nach dem absolut Guten stellt und somit die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt.

Vorliegende Ausführungen gehen demnach der Frage nach, wie die Darstellung des Bösen im Mittelalter beschaffen war. Dieses Unter-fangen trägt ambivalenten Charakter, da es sich im diskursiven Zwischenbereich zwischen Realität und Fiktion bewegt. Der Ambi-valenzcharakter der Informationen beruht auf zweierlei: auf der Ebene der Texte und auf der Ebene der moralischen Definition.

Wie werden feststellen, daß sich die verschiedenen Quellen und Texte in ihrer moralischen Wertung voneinander unterscheiden, ja, daß sie sich sogar kontradiktorisch widersprechen können: Die Gestalt des Religionsgründers MOHAMMED wurde von christlichen Autoren des Hoch- und Spätmittelalters einstimmig als geistig sekundär und satanisch, von islamischen Autoren aber als weise und heilig dargestellt. Aber auch auf der Ebene ein- und derselben Weltsicht können bezüglich der Wertung dessen, was böse und gut genannt werden, erhebliche Schwankungen auftreten. Ein krassses Beispiel bildet JEANNE D'ARC, die Jungfrau von Orléans: Sie wurde zunächst als Hexe gebrandmarkt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, fünfhundert Jahre später aber von der Kirche als Heilige anerkannt und feierlich zu den Ehren der Altäre erhoben, in beiden Fällen nach langer, sorgfältiger "Prüfung". Aus vielen anderen Prominenten ragen zwei Kaiser hervor: KARL DER GROSSE, der in der frühen Visionsliteratur (Visio Wetti) als sündhafte, sogar als "sodomitische" Person apostrophiert, dann aber von den Kaisern FRIEDRICH I. Barbarossa und KARL IV. (trotz der irregulären Kanonisation) wie ein Heiliger verehrt wurde, sowie der letzte große Staufer, FRIEDRICH II., der in den Briefen der Päpste zur apokalyptischen Bestie mutiert, in den ghibellinischen Chroniken aber als größter aller Herrscher und als frommer Büßer dargestellt wird, der auf dem Totenbett noch die Zisterzienserkutte angelegt habe.

Demnach wollen wir uns im Folgenden mit der Frage beschäftigen, auf welche Weise und mit welcher Intention die mittelalterlichen Autoren die Darstellungen über Böse und Böses verschriftlicht haben, wieweit sie sich auf vorgefertigte Stilmittel aus der Bibel und der antiken Literatur gestützt, wieweit sie die zeitgenössischen Erwartungen haben einfließen, und in welchem Maße sie ihre eigene produktive Phantasie haben walten lassen. Es wird nach konkreten methodischen Hilfen gefragt werden, die die verschiedenen Textformen voneinander scheiden und uns helfen, das Empirische von dem Fiktionalen zu sondern. Am Beispiel von drei prominenten Bösen aus der römischen Kaiserzeit, PONTIUS PILATUS, NERO und JULIAN APOSTATA, läßt sich zeigen, daß bereits im 13. Jahrhundert Begriffe für das entwickelt wurden, was später "Schwarze Legende" genannt wurde, Begriffe für den Gegentypus der Heiligengeschichte. Die Methodik der historisch-kritischen Überprüfung spätmittelalterlicher Gestalten, die jenseits des Mythos' einen großen Bestand schriftlicher Quellen hinterlassen haben, nämlich (Gegen-)Papst JOHANNES XXIII., GILLES DE RAIS und VLAD TEPES "Dracula", orientiert sich dagegen, wie zu zeigen sein wird, in stärkerem Maße an der quellenkritischen und vergleichenden Überprüfung der Quellen, um auf diese Weise das Propagandistische und Irreale vom Glaubwürdigen und Möglichen zu trennen.

Abschließend sollen die methodischen Einzelschritte zusammen-gefaßt sowie um theoretische Überlegungen zu dem Begriff Hate-Crime, "Haß-Verbrechen", ergänzt werden, so daß die Möglichkeit besteht, diese Überlegungen auch auf "Böse" anderer Epochen einschließlich der Jetztzeit zu übertragen: Auch angesichts der heutigen medialen Informationsflut wird sich, ebenso wie angesichts der mittelalterlichen Quellen, stets erneut die Frage stellen, welche Erklärungen es für die haßerfüllten Taten gegen reale oder fiktive Minoritäten und welche besonderen Maßnahmen im "historischen" Darstellungsprozeß (der niemals eine absolut faktengenaue Wiedergabe aller Grausamkeiten sein kann) zu beachten sind. Ebenso gilt es zu fragen, ob die öffentlichen Aussagen über despotische Staatenlenker und deren Verbrechen (wie Inzest und "Menschenfresserei") auf nachprüfbaren Fakten oder auf Greuelpropaganda beruhen, wie oft die allgemeine Öffentlichkeit von den Repräsentanten der Mächte systematisch belogen wird und welche Chancen die Anwendung quellen-kritischer Methoden für das Verständnis der Gegenwart bietet. Die Freunde des Bösen können somit zwar nicht besiegt, aber doch durch die Methoden der retrospektiven "Malographie" entlarvt und auf den dürren Restbestand ihres Vokabulars reduziert werden.
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