Prof.-Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
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  Prof. Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
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48155 Münster
 
Hans Blueher
Hergemöller, Bernd-Ulrich: Hans Blüher : (1888 - 1955) ; annotierte und kommentierte Biobibliographie (1905 - 2004) / bearb. und eingeleitet von Bernd-Ulrich Hergemöller. Nebst Erstveröff. der Jugendgedichte "Böse Lieder" / [Hans Blüher]. - Hamburg : HHL-Verl., 2004. - 139 S. : Ill. ; 30 cm
(Hergemöllers historiographische Hilfsmittel ; 1)
ISBN 3-936152-04-7 kart.



Inhalt


Vorwort
Verzeichnis der Abkürzungen
Verzeichnis der Abbildungen
Vita Hans Blüher
Zum Aufbau der bibliographischen Einträge
A. Subjektive Bibliographie 1905-1955
B. Opera Postuma 1955-2002
C. Objektive Bibliographie 1912-2004
Index der Personen

Anhang: "Böse Lieder" von Aristin
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Vorwort
Hans BLÜHER gehört zu den produktivsten, meistgelesenen und umstrittensten kultur- und sexualwissenschaftlichen Autoren des 20. Jahrhunderts. Daß er noch nicht die allgemeine Aufmerksamkeit der Wissenschaft gefunden hat, liegt zum größten Teil daran, daß sein Name wegen seines aggressiven Antisemitismus' und seiner Polemik gegen die Frauenemanzipation einem unausgesprochenen Tabuisierungsverdikt unterworfen wurde. Dieses Verdikt erfaßte auch seine gesellschafts- und kulturtheoretischen Überlegungen, vor allem seine Ausführungen zur homoerotischen Konstitution männerbündischer Vereinigungen und zur historischen Rolle dieser "Männerbünde" in (den bisherigen) politischen Prozessen, die allgemein in simpler Reduktion als Rechtfertigung homosexueller Sozialstrukturen beziehungsweise pädophiler Beziehungen gedeutet wurden. Da das Verständnis und die Erklärung der Vergangenheit mit allen ihren Exzessen und Katastrophen aber notwendigerweise auch die Berücksichtigung jener Personen und Gedanken erfordert, die zur Destruktion des Humanum beigetragen haben und die keinerlei Identifizierungspotential besitzen, gehört es zu den Notwendigkeiten und Selbstverständlichkeiten der wissenschaftlichen Forschung, diese Personen mit derselben Akribie und Exaktheit zu behandeln wie diejenigen, denen das allgemeine Wohlwollen der Zeitgenossen sicher ist. In diesem Sinne will sich vorliegende Bibliographie verstanden wissen; - als notwendige Basis und Erweiterung des Wissens über die Sexualbiographien prominenter Autoren aus der Frühphase der modernen Geschlechtertheorie, über den Antifeminismus und Antisemitismus in der Endphase des Wilhelminischen Reiches, über die geistige Vorgeschichte des NS-Regimes sowie über das Selbstverständnis früherer philosophierender Sexual- und Gesellschaftsforscher, die sich selbst als die letztgültigen Erlöser und Erleuchter der Menschheit verstanden. Darauf aufbauend, wäre es möglich und nötig, BLÜHERS Theorie zur Erosstruktur der mannmännlichen Bünde mit den postmodernen Diskursen zur prozessualen Entwicklung des Geschlechtlichen und zu den Metamorphosen des Männerbildes im 19. und 20. Jahrhundert zu vergleichen, die vor allem mit den Namen Michel FOUCAULT und George MOSSE verbunden sind.

Die Tatsache, daß bislang noch keine brauchbare Bibliographie erstellt worden ist, ist aber nicht nur den allgemeinen Wissenschaftstabus geschuldet. Sie liegt auch an den Mystifikationen und Irreführungen, die der Autor selbst vorzunehmen pflegte. Zunächst hatte BLÜHER die Angewohnheit, verändernd, kürzend oder erweiternd in die verschiedenen Auflagen einzugreifen, so daß sich diese häufig inhaltlich und formal voneinander unterscheiden. Dann ließ er diejenigen Werke, die er für besonders bedeutend hielt, auf Bütten drucken, in separate Luxusausgaben binden und an ausgewählte Freunde verschenken. Mitunter wurde auch während des Auslieferungsprozesses einer Auflage ein Verlagswechsel vorgenommen, der durch eingeklebte Zettel markiert wurde. Einige Pseudonyme und Namenkürzel erschweren ebenfalls den Zugang. Gelegentlich bestehen Diskrepanzen zwischen dem äußeren und inneren Titeltext. Dann kommt das Chaos hinzu, das die Editoren nach seinem Tode angerichtet haben, teils durch umgearbeitete und erweiterte Nachdrucke, teils durch unautorisierte "Raubdrucke". Dies alles hat zur Folge, daß sich in der heutigen wissenschaftlichen Literatur kaum Werke finden lassen, die überhaupt korrekte bibliographische Angaben enthalten. Auch die zeitgenössischen Rezensenten und Polemiker haben das Ihrige dazu beigetragen, dem Bibliographen das Leben zu erschweren: Sie haben sich oftmals große Mühe gemacht, unerkannt zu bleiben, so daß es trotz aller Recherchen nicht in jedem Fall gelungen ist, das entsprechende Pseudonym zu entschlüsseln.

Diese Zusammenstellung geht aus diversen Arbeiten zur Geschichte der Freundesliebe und mannmännlichen Sexualität hervor, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren erstellt habe; sie erhielt 2003 und 2004 in zwei großen Schüben die vorliegende Form. Mein Dank geht an meine ehemalige Mitarbeiterin Frau Dagmar HEMMIE M.A., die die erste Tranche der Bestellungen und Fernleihen bewältigte. Mit Frau Claudia BRUNS M.A., die in diesem Jahr ihre Dissertation abschließt, konnte ich mich wissenschaftlich über die BLÜHER-Problematik austauschen. Besonders danke ich Herrn Dipl.-Bibl. Martin NOVÀK-RUTRICH, in dessen Händen die formale Gestaltung der Druckvorlage und die Digitalisierung der Abbildungen lagen.

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Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: A.1908
ARISTION: Böse Lieder, Umschlagblatt (Vorder- und Rückseite)

Abb. 2: A.1912
Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen, erste Auflage, mit Vorwort von Magnus HIRSCHFELD

Abb. 3: A.1912
Die drei Grundformen der Homosexualität, erste Auflage 1912/1913, mit handschriftlicher Widmung des Verfassers von 1913

Abb. 4: A.1919 IN MEDIAS RES, erste Auflage, Titelei: Exlibris Hans BLÜHER

Abb. 5: A.1922
ZELVENKAMP: Der Judas wider sich selbst, Innentitel mit Signet des Voggenreiter-Verlags ("Der Weiße Ritter")

Abb. 6: A.1952
Karl Fischers Tat und Untergang, mit Porträtgraphik von Dieter EVERS

Abb. 7: B.1976
Nachdruck: Die humanistische Bildungsmacht, mit Titelzeichnung von Wilhelm TEGTMEIER

Abb. 8: B.1994
Family & Male Fraternity, S. 53: Beispiel einer typischen Zeichnung von Pierre JOUBERT

Abb. 9: C.1914
FREYTAG: Rezension in: Die Pachantei, erste Seite

Abb. 10: C.1920
PLENGE: Antiblüher, Titelseite


Vita Hans Blüher (1888-1955) (Auszug)

Hans Erich Karl Albert Hermann BLÜHER wurde am 17. Februar 1888 im schlesischen Freiburg (damals Königreich Preußen, heute poln.: Swiebodzice) als einziger Sohn des ev. Apothekenbesitzers Hermann BLÜHER (1859-1926) und dessen Ehefrau Helene ASCHENBORN (1859-1934) geboren. Er verwandte (nur einmal, im Jahre 1922) das Pseudonym 'Artur ZELVENKAMP', ansonsten schrieb er gelegentlich anonym oder unter dem Kürzel 'H. B.' Er ist ferner identisch mit 'GESTALT', einer Figur aus seinen frühen Schriften, sowie mit 'ARISTION', dem Autor handschriftlicher Liebesgedichte (1908). In konfessioneller Hinsicht wandte er sich in seiner Jugend ostentativ vom Christentum ab, kehrte jedoch (um 1922) zur Evangelischen Landeskirche zurück und zeigte auch eine gewisse Sympathie für die Liturgie und Politik der römisch-katholischen Kirche.
Um 1900 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Steglitz bei Berlin. Auf dem dortigen Gymnasium fand er (mit der Nummer 33) Aufnahme in die Gruppe "Wandervogel - Ausschuß für Schülerfahrten", die 1904 den Vereinsstatus erhielt ("WV e. V. zu Steglitz bei Berlin"). Diese war aus den von dem (späteren Generalkonsul) Hermann HOFFMANN-[FÖLKERSAMB] gegründeten Schüler-stenographenverein (1895) sowie aus "Böhmerlandfahrten" (ab 1896) hervorgegangen und unter maßgeblicher Beteiligung von (dem späteren Studienrat) Siegfried COPALLE (1882-1957) im Jahre 1901 gegründet worden. Der junge B. begeisterte sich für den sogenannten "Oberbachanten" Karl FISCHER (1881-1941), den er in seinen Schriften (wider besseres Wissen) zum alleinigen Gründer der Wandervogelbewegung erhob. Ihn begleitete er auch in den "Altwandervogel", der sich 1904/1905 von dem "eingetragenen Verein" abspaltete. In diesen Jahren fiel 'GESTALT', wie er gerufen wurde, durch mehrere homoerotische Eskapaden auf. Im Jahre 1905 schloß sich B. dem 40jährigen Gutsherrn Wilhelm JANSEN an, der bereits in dem "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" Magnus HIRSCHFELDS aktiv war. Ein anderes Mitglied des "WHK", (den todkranken) Dr. Benedikt FRIEDLAENDER, lernte B. im Jahre 1906 kennen. Dieser führte ihn in die Grundprinzipien seiner Männerbund- und Geschichtstheorie ein. JANSEN übernahm 1906 die Leitung des "Eltern- und Freundesrates", geriet aber bald wegen seiner körperlichen Zuneigung zu den "Wandervögeln" in Kritik und mußte 1908 alle WV-Ämter niederlegen. Danach unterstützte B. ihn, zusammen mit (dem Leichtathleten) Willie JAHN, dem (späteren ev. Theologen) Otto PIPER, dem (Pädagogen) Hjalmar KUTZLEB und etwa acht weiteren bei der Gründung des "Jung-Wandervogel" (JWV). Wie B.s frühen Texte und vor allem die (hier im Anhang erstveröffentlichten) "Bösen Lieder" von 1908 zeigen, fühlte er sich in dieser Zeit noch primär als Dichter. Er lebte in dem Bewußtsein, von den Freunden nicht begehrt und von der "Menschen ekler Sclavenbrut" verkannt worden zu sein.
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Am 30. April 1912 fand die "offizielle" Begegnung B.s mit Magnus HIRSCHFELD statt. Ihm vertraute er die Edition seiner Studie Die drei Grundformen der sexuellen Inversion an, in der er einen dritten Weg jenseits der Freudschen Inversionstheorie und der Hirschfeldschen Zwischenstufenlehre beschrieb, sowie das Vorwort zu seiner Wandervogel-Monographie. Als HIRSCHFELD im Schlußteil des Wandervogel-Buches ohne Rücksprache kleinere Eingriffe vornahm (indem er Anspielungen auf die "Dekadenz" kanzellierte), war die kaum begonnene Kooperation rasch beendet. B. hat sich seitdem über HIRSCHFELD nur noch abfällig geäußert, wohingegen dieser einen sachlichen Ton beibehielt. Ebenso unerquicklich gestaltete sich B.s Versuch, sich Sigmund FREUD zu nähern: Der Briefwechsel verlief nach kurzer Zeit im Sande (Mai 1912 bis August 1913), weil FREUD nicht bereit war, von der Vorstellung abzurücken, daß die Homosexuellen prinzipiell dem Krankheitsbegriff zuzuordnen seien. FREUD gab ihm jedoch Gelegenheit, auch weiterhin Aufsätze in der von ihm herausgebenen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse zu veröffentlichen. Um seine Frontstellung gegenüber seinen "Kollegen" zu markieren, griff B. auf den von Heinrich SCHURTZ, FRIEDLAENDER und Gustav JÄGER entwickelten Begriff 'Männerheld' zurück, den er als Typus des "gesunden Invertierten" mit der Fähigkeit zur Höchstleistung in geistiger und staatspolitischer Hinsicht charakterisierte. (Dieser mißverständliche Begriff bildet eine Analogie zum Begriff 'Frauenheld' und hat nichts mit der äußeren Gestalt oder der körperlichen Größe zu tun). Diese Vorstellungen wurden in seinem wichtigsten Werk Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft (1917/1919) ausgebaut. B. erhob hierin den Anspruch, die gesamte Menschheitsgeschichte auf eine neue Interpretationsbasis gestellt zu haben: Er deutet die Kulturleistungen und Staatenbildungen als Resultate männerbündischer Zusammenschlüsse, die durch den "Logos" sowie durch die latente "Inversionsneigung" (nicht durch rationale oder ökonomische Erwägungen) gebildet und zusammengehalten würden. Die Frau verbannt er dagegen in den Bereich des "Eros", der Familie, der Mystik und "Mantik". Auch die Äußerungen zum "Sakrament der Mehrehe", zur "geistigen Unterlegenheit der Frau" und zur Legitimität des Freitods, die in den folgenden Traktakten veröffentlicht wurden, dienten dazu, diese Geschichtsmetaphysik des "Logos" auszugestalten. B. rief einen Sturm der Entrüstung hervor, obwohl er faktisch nur diejenigen Gedanken in verschärfter Form wiederholt hatte, die schon SCHOPENHAUER, NIETZSCHE und Otto WEININGER geäußert hatten. Daß er dagegen das Hauptwerk seines väterlichen Freundes FRIEDLAENDER, Die Renaissance des Eros Uranios, auf weite Strecken ausgeschlachtet hatte, wurde erst 1930 in einem polemischen Traktat von Heinz THIES nachgewiesen. In den zwanziger Jahren steigert sich B.s allgemeine Judenfeindschaft (die er stets als "theologische" verteidigte) zu einem eliminatorischen Antisemitismus. Er plädierte nicht für eine radikale Vernichtung der Juden, sondern für eine "Secessio Judaica", also für einen freiwilligen Auszug (in einen imaginären Neustaat) oder für eine erzwungene Vertreibung aus der christlichen Gesellschaft. Seine Xenophobie war allerdings nicht ausschließlich auf das Judentum focussiert, sondern auch auf die US-Amerikaner und die Franzosen.
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In den zwanziger Jahren bemühte sich B. mit partiellem Erfolg um Anschluß an deutschnationale und hochständische Kreise. Er hospitierte an den Sitzungen des "Deutscher Herrenclub" unter SCHILLERS Urenkel Raimund August Heinrich von GLEICHEN-RUßWURM (1882-1959), der ihm auch die Möglichkeit eröffnete, von 1928 bis 1933 regelmäßig in der Zeitschrift Der Ring zu publizieren (1928-1933). Im Jahre 1928 wurde er von Ex-Kaiser WILHELM II., der seine Schrift Secessio Judaica fast auswendig kannte, mehrmals nach Doorn (bei Utrecht) eingeladen. Katholische Äbte wie Albert SCHMITT von Grüssau in Schlesien und Ildefons HERWEGEN von Maria Laach ließen sich von B. arglos in einen brisanten Meinungsaustausch über die Rolle des "Judentums" verwickeln. Seine angeblichen Kontakte zu dem zwielichtigen Zentrumsführer Professor Ludwig KAAS und zu Chargen Ernst RÖHMS, von denen das "Hans-Blüher-Archiv" berichtet, sind historisch nicht zu verifizieren, freundschaftliche Beziehungen zu dem SA-Mitglied Prinz AUGUST WILHELM ("Auwi") dagegen durch die im Nachlaß erhaltene Korrespondenz beweisbar.
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Wohl aufgrund eines stillschweigenden Agreements sah er während der NS-Zeit von jeder Publikationstätigkeit und allen öffentlichen Auftritten ab. Er durfte jedoch, obwohl er keiner NS-Organisation angehörte und kein entsprechendes Fachstudium nachweisen konnte, in die "Deutsche Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie" eintreten und in seiner Wohnung in (Berlin-)Hermsdorf private Beratungen durchführen. Er nutzte die Zwangspause, um zwei umfangreiche Werke zu vollenden, die nach dem Krieg veröffentlicht wurden: das "Hauptwerk" Die Achse der Natur, eine antimodernistische Geschichtsmetaphysik (1949), die nur von einigen schweizerischen und französischen Wissenschaftlern positiv rezipiert wurde, sowie die prätentiösen Erinnerungen Werke und Tage (1953), die nicht wenige interessante kulturgeschichtliche Informationen enthalten. Eine kritische Reflexion des eigenen Lebens oder eine Entschuldigung für den geistigen Anteil am Proto-Faschismus erfolgten jedoch nie. Der "konservative Revolutionär" (wie er sich selbst nannte) starb am 4. Februar 1955 an Leberzirrhose.

Seine Witwe heirate daraufhin seinen Hausfreund, Dr. Wilhelm-Josef HERCKMANS-HENGESCH. In seiner Spätphase hatte sich B. einem jungen Mann (Wolf-Heribert FLEMMING; vgl. unten: C.WALKENHOVE) anvertraut, der nach seinem Tode eine Zeitlang, bis etwa 1975/1976, als "Hans-Blüher-Archiv" titulierte. Der aus dem Exil heimgekehrte Dr. Hans-Joachim SCHOEPS (1909-1980) erhielt nunmehr eine Professur in Erlangen und beteiligte sich an der Umgestaltung und Edition älterer (bzw. ergänzter) Schriften. Es ist bis heute unklar, wo die Hauptmasse des BLÜHER-Nachlasses, das heißt seine umfangreiche Korrespondenz, die (angebliche) Geheimdatei mit Hundertschaften aus "Uradel, Finanz, Industrie und aus allen freien Berufen", ferner die Registratur des "Hans-Blüher-Archivs", geblieben sind. Die (relativ wertlosen) Restbestände des Nachlasses gelangten 1977 in die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (damals Berlin-West). Die vor allem von Schweizer Anhängern um den Psychiatrieprofessor Heinrich MENG gestartete Initiative zur Gründung einer "Blüher-Gesellschaft" zeitigte keinen Erfolg.

Wegen dieser Textverluste sowie wegen der großen biographischen Lücke von 1933 bis 1955 ist es objektiv nicht mehr möglich, eine geschlossene Biographie zu erstellen. Dagegen dürfte es durch die systematische Auswertung der Werke jener Autoren, die mit B. Kontakt hatten, sowie mit Hilfe vorliegender Bibliographie möglich sein, die längst überfällige Rezeptionsgeschichte in Angriff zu nehmen. Diese umfaßt zum einen die gesamte Literatur zum Wandervogel und zur "bündischen Jugend" (einschließlich der "dj.1.11" und der "Nerother"), ferner die neoromantischen Kreise um Othmar SPANN und Walther HEINRICH in Wien und die mit diesen verbundenen Mitglieder des "Sudetendeutschen Kameradschaftsbundes". Auf dem rechtsextremen Spektrum sind ebenfalls die literarisch ambitionierten Freikorpsführer wie Gerhard ROßBACH und Ernst von SALOMON angesiedelt sowie die SA und wahrscheinlich HITLER selbst. Daher konnten diese Gedanken auch für bundesdeutsche Neofaschisten wie Michael KÜHNEN interessant werden. Von rechtsnationalen bzw. konservativen Kräften gehen auch die größten polemischen Attacken aus, sei es diejenige des psychopathischen Professors Johann PLENGE, sei es diejenige des (verklemmt homoerotischen) protestantischen Theologen Richard Heinrich GRÜTZMACHER. (Beide Gelehrte haben übrigens ebenfalls ein breites Werk hinterlassen, das der wissenschaftlichen Erschließung harrt). BLÜHERS Einfluß erstreckte sich auch auf einige Reformpädagogen wie Gustav WYNEKEN, August HALM; Martin LUSERKE und Max TEPP. Sein Traktat über die Heilkunde beeinflußte zahlreiche Alternativmediziner, Homöopathen und Psychotherapeuten. Die niederländischen und französischen Pädophilen sehen in B. bis heute eine ihrer Gallionsfiguren, wobei sein Name nicht selten dazu mißbraucht wird, eine rechtsgestrickte Pädophiliebewegung zu unterstützen (Vgl. B.1994: Family and Male Fraternity). Schriftsteller unterschiedlicher literarischer Qualität und politischer Richtung wie Thomas MANN, Rainer Maria RILKE, Albert RAUSCH ("Henry BENRATH"), Theodor DÄUBLER, Erich EBERMAYER, Kurt MARTENS oder Grigol ROBAKIDSE zeigten sich von BLÜHERS Sprache und Denken beeindruckt; viele von ihnen standen mit ihm in brieflichem Austausch. Schließlich haben führende Vertreter der "Homophilen-Presse" der 50er und 60er Jahre wie Karl ("Rolf") MEIER, Johannes WERRES und Heinz LIEHR die Figur BLÜHER völlig unkritisch als historisches Vorbild angeboten (vgl.: C.HOHMANN). In der historischen und germanistischen Forschung blieb sein Name allerdings bis vor wenigen Jahren strikt tabuisiert. In den Studien über die sogenannte "Konservative Revolution" (vgl.: C.MOHLER) sowie über frühe Antifeministen (vgl.: C.PLANERT) wird er nur am Rande erwähnt, desgleichen in biographischen Lexika. Seit einigen Jahren deutet sich jedoch eine gewisse Trendwende an.


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ZUM AUFBAU DER BIBLIOGRAPHISCHEN EINTRÄGE

Die subjektive Bibliographie (A), die die zu seinen Lebzeiten erschienenen Werke verzeichnet, und die Opera Postuma (B), die die nach seinem Tode erfolgten Nach- und Teildrucke umfassen, sind chronologisch geordnet; innerhalb der jeweiligen Jahrgänge wiederum alphanumerisch (nach dem Anfangsbuchstaben des ersten Wortes). Sie enthalten im einzelnen:

1. Jahreszahl mit Kurzangaben des Bearbeiters zum politischen und kulturellen Hintergrund.

2. Bibliographische Angaben (einschließlich aller Auflagen).

3. Kommentar des Bearbeiters (in Bezug auf drucktechnische Eigentümlichkeiten, auf den Verlag oder die Co-Autoren).

Die objektive Bibliographie (C) umfaßt den Bereich der Rezension, Rezeption und Resonanz. Sie ist alphabetisch nach Autor(inn)en geordnet; verschiedene Arbeiten einer einzelnen Person sind wiederum alphanumerisch untergliedert.
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