Prof.-Dr. Bernd-Ulrich Hergemöller
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Masculus et femina, 2. Aufl.
Hergemöller, Bernd-Ulrich: Masculus et femina : systematische Grundlinien einer mediävistischen Geschlechtergeschichte / Bernd-Ulrich Hergemöller. - 2., überarb. u. aktualisierte Aufl. - Hamburg : HHL-Verl., 2005. - 117 S. : Ill. ; 25 cm
(Hergemöllers Historiographische Libelli ; 1)
Literaturverz. S. 88 - 107
ISBN 3-936152-05-5 kart. : EUR 19.50

Dieses Bändchen enthält sowohl einen Überblick über das bisher Erreichte als auch ein systematisches Kurzprogramm der künftigen Forschung. Die Kapitel gliedern sich auf in: Definitionen, Geschlechterrollen, Veräußerlichung des sozialen Geschlechts (Kleidung, Nahrung, Sprache), Gruppen - Bünde - Territorien, Geschlechterkonflikte.

Es folgen ein aktualisiertes Literaturverzeichnis sowie ein mit Todesdaten ausgerüsteter Personenindex. Bestellungen der 2. Auflage von Masculus et femina mit aktualisierter Bibliographie werden per Post oder E-Mail entgegengenommen.




Inhalt


Vorwort zur zweiten Auflage
Verzeichnis der Abbildungen
Systematische Grundlinien einer mediävistischen Geschlechtergeschichte

1. Als Mann und Frau erschuf er sie. Definitionsversuche
1.1. Altes und Neues Testament
1.2. Theologie
1.3. Naturlehre und Biologie
1.4. Lebensalter

2. Opus virile – opus feminile. Geschlechterrollen
2.1. Servus et Ancilla, Bauer und Bäuerin
2.2. Bürger, Hausfrau, »Bürgerin«
2.2.1. Bürgerrecht, Eherechtliche Bestimmungen
2.2.2. Meister und Meisterin, Lehrtochter und Gesell
2.2.3. Fernhändler und Kauffrau
2.3. Bettler, Randgruppen und »Unehrliche«
2.4. Herrscher und Herrscherin
2.5. Geistliche und Religiöse
2.5.1. Geweihte und nichtgeweihte Geistliche
2.5.2. Mystiker und Mystikerinnen
2.5.3. Männer-Heilige, Frauen-Heilige
2.5.4. Ketzer und Ketzerinnen
2.6. Gebildete und Gelehrte
2.7. Künstlerinnen und Künstler

3. Gekleidet wie ein Mann. Veräußerlichung des sozialen Geschlechts
3.1. Kleidung
3.2. Ernährung
3.3. Sprache
3.4. Strafrecht
3.5. Bildliche Darstellung

4. Gruppen, Bünde, Territorien
4.1. Ich habe Euch 'Freunde' genannt. Männerbünde und -territorien
4.2. Freundschaften
4.3. Frauengruppen, -territorien

5. Verkehrte Welt. Geschlechterkonflikte und synchrone Konkurrenzen
5.1. Geschlechterkonflikte
5.2. Synchrone Konkurrenzen
5.2.1. Synchrone Konkurrenzen im zwischenmännlichen Bereich
5.2.1.1. Verheirateter und lediger Mann
5.2.1.2. »Naturgemäßer« und »widernatürlicher« Mann
5.2.2. Konkurrenzen im zwischenweiblichen Bereich
5.2.2.1. Ehefrau und Nebenfrau
5.2.2.2. Legale und illegale Dirne
6. Zusammenfassung und Folgerungen
6.1. Zusammenfassung
6.2. Folgerungen für eine Historiographie der Geschlechterbilder
Literaturverzeichnis (Quellen und Darstellungen)
Personenindex
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Vorwort zur zweiten Auflage

Die erste Auflage dieser Schrift erschien im Jahr 2001 und eröffnete zugleich eine neue Reihe, deren Ziel es sein soll(te), innovative Kleinstudien auf ambitioniertem Sprach- und Theorieniveau zu publizieren.

Im Gegensatz zur zweiten Nummer der "Libelli", die das Phänomen des Schlafentzugs von der Spätantike bis zum Spätmittelalter nachzeichnet, und zur dritten Nummer, die dem Konflikt zwischen Birgitta von Schweden und König Magnus Eriksson gewidmet ist, war die erste Auflage von Masculus et Femina schon bald nach Erscheinen vergriffen. Sie hat sofort Eingang in den Studienalltag und in die sozial- und geschlechtergeschichtliche Forschungs-literatur gefunden. Da das Interesse an dieser Thematik ungebrochen ist, wird es höchste Zeit, eine zweite Auflage vorzulegen. Sie weist eine Reihe von Verbesserungen und Erweiterungen auf: Die typographischen Unstimmigkeiten wurden bereinigt, der Abbildungsteil wurde neugestaltet, der Text wurde an mehreren Stellen ergänzt, und die nach 2000 erschienene Literatur ist berücksichtigt. Neu geschrieben wurde ein Abschnitt über die geschlechter-spezifischen Aspekte des Älterwerdens und der Lebenserwartung.

Die technische Bearbeitung von Text und Abbildungen lag in den Händen von Dipl.-Bibl. Martin NOVÀK-RUTRICH, dem ich herzlich danke.

Hamburg, im Mai (im Monat des Kampfes gegen die Studiengebühren) 2005

Der Verfasser
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Systematische Grundlinien einer mediävistischen Geschlechtergeschichte

Als der seinerzeit prominente Germanist und Volkskundler Karl WEINHOLD (1823-1901) am Ende des 19. Jahrhunderts ein zweibändiges Werk über die »deutschen Frauen in dem Mittelalter« schrieb, schickte er salvatorisch voraus, daß sein Buch mit »der sogenannten Frauenfrage nichts zu thun« habe, sondern daß es eine »ruhige Darlegung des deutschen Frauenlebens in vergangenen Zeiten« geben möchte, »zu Ehren der deutschen Frauen und in dankbarer Empfindung für das, was Mutter, Gattin und Freundinnen mir waren und sind.«

Ein Jahrhundert später wird in einem mediävistisch orientierten Sammelband unter dem Titel »Variationen der Liebe« der große Erkenntnisgewinn versprochen, der aus einer »Beschreibung, Reflexion, Analyse und Darstellung psychischer Dimensionen geschichtlicher Wirkungszusammenhänge« resultiere, und die Bedeutung einer »Psychohistorie« unterstrichen, der es nicht allein darum gehe, »Lebensgeschichten und zwischenmenschliche Beziehungen im Kontext von Landes- und Weltgeschichte zu thematisieren, sondern Forschung auch im Kontext der Lebensgeschichte und der sozialen Beziehungen der GeschichtswissenschaftlerInnen zu verstehen.«

In den einhundert Jahren, die zwischen diesem Bekenntnis zu den preußisch-kleindeutschen Ehrenklischees und diesem phraseologischen Ausfluß postmodernen Soziolekts liegen, sind viele Bücher erschienen, die sich mit kultur- und sozialgeschichtlichen Aspekten der Geschlechterverhältnisse im Mittelalter beschäftigen: Werke über Prostitution und Sexualität, über Haus und Familie, Kindheit und Erziehung, über Tanz und Spiel, Ritterkultur und Minnewesen, Grundherrschaft und Dorfstruktur, Kloster und Konvent, Fernhandel und Kleingewerbe, Hexerei und Heiligsprechung. Die Frage aber, welche Bedeutung der Kategorie 'Geschlecht' als solcher für eine Hermeneutik mittelalterlicher Quellen zukomme, welche theoretischen Dimensionen dieser Kategorie innewohnten und welcher Erkenntnisgewinn aus der Berücksichtigung dieser Fragestellung resultiere, wurde bislang noch nicht systematisch reflektiert.

Der hergebrachten deutschen Vokabel 'Geschlecht' wurde durch die amerikanische Sex-and-gender-Forschung eine neue Bedeutungsdimension verliehen, die eine eineindeutige Übersetzung ausschließt. Sie umfaßt sowohl die Sphäre des 'sex', verstanden als biologisch-körperliche Konstituante, als auch die Sphäre des 'gender', verstanden als soziale Konstruktion. Wenn wir an den aktuellen Stand des Sex-and-gender-Diskurses denken, hat diese Armut der deutschen Sprache den Vorteil, daß sie eine vorzeitige Partikularisierung der Dimensionen verhindert und das Bewußtsein für die Ganzheitlichkeit geschlechtlicher Phänomene wahrt und schärft.

Der Begriff 'Geschlechtergeschichte' bildet, sprachlogisch betrachtet, eine Synthese der Begriffe 'Frauengeschichte' und 'Männergeschichte'. Dieser Dreischritt entspräche zwar den Gesetzen der Dialektik, läßt sich aber am realen Gang der mediävistischen Forschung in Deutschland nicht unmittelbar verifizieren:
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Die Grundlage der geschichtswissenschaftlichen »Sex-and-gender-Revolution« bildete die historische Frauenforschung, die, aus den USA kommend, seit den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts – zunächst zögerlich und mißtrauisch – von der bundesdeutschen Mittelalterforschung rezipiert wurde.
Wenngleich bereits in den siebziger Jahren von US-Amerikanerinnen erkannt wurde, daß die Kategorie 'Frau' durch die Kategorien 'Mann' und 'Geschlecht' ergänzt werden müßte, hielten entsprechende Gender-Studies erst in den späten achtziger Jahren Einzug in die hiesige Mediävistik (nicht aber in die offizielle Mittelalterforschung der DDR). Mittlerweile dürfte die Frauenforschung an den meisten Historischen Seminaren der Bundesrepublik in den Kanon der deutschen Mediävistik integriert sein. Sie hat sich von ihrer ursprünglichen Bindung an Frauenforscherinnen gelöst und wird mittlerweile auch von männlichen Mediävisten bedient, die sie gerne mit ihren herkömmlichen Vorlieben für die Kirchen-, Reichs- und Sozialgeschichte verbinden.

Anfangs, das heißt seit etwa 1980, wurde im Zuge einer kompensatorischen Frauenforschung damit begonnen, die größten Defizite auf dem Gebiet empirischer Untersuchungen abzubauen. Den Grundstein zu den Untersuchungen regionaler und systematischer Art legten in unseren Breiten Annette KUHN und Peter KETSCH mit zwei Bänden über Frauen in der Geschichte (1983/84). Es folgte 1984 die Nestorin der früh- und hochmittelalterlichen Städteforschung, Edith ENNEN, mit dem Werk Frauen im Mittelalter, in dem sie in chronologischer Ordnung und mit solidem Quellenapparat von Königinnen und Fürstinnen, Kauffrauen und Hökerinnen, Äbtissinnen und Heiligen erzählt. Weitere Sammelbände, die sowohl die »großen Frauen« als auch Unbekannte, Witwen, Nonnen und »Ketzerinnen«, würdigen, schlossen sich an. Im Sinne einer sozialgeschichtlich orientierten Diversifizierung suchten nun zahlreiche monographische Studien vor allem diejenigen Frauenrollen zu beleuchten, die in den Werken über die Königinnen und »Ausnahmefrauen« wie Hrotsvit von Gandersheim, Hildegard von Bingen, Birgitta von Schweden, Kaiserin Theophanu oder Unionskönigin Margaretha I. nur am Rande berücksichtigt wurden: Prostituierte, Beginen, Katharerinnen, Mystikerinnen, Hexen, Entehrte und Kriminalisierte. Fast unbemerkt gerieten hierbei die »frommen« Frauen in den Windschatten, die klein- und unterbürgerlichen Hausfrauen, Handwerksgattinnen und Mütter, die Angehörigen der traditionellen weiblichen Ordensgemeinschaften und Stiftskonvente nach benediktinischen oder augustinischen Regeln oder die unspektakulär amtierenden Königinnen und Fürstengattinnen – also alle die Frauen, die insgesamt den größeren Teil des weiblichen Geschlechts bildeten.

Das erfreuliche Interesse an der Frauenforschung hat indes unreflektiert zu einer unerquicklichen Methodenverwirrung geführt: Die Kriteriologie und Klassifizierung wird auf diesem Gebiet bis heute mit einer Beliebigkeit gewechselt, die beispielsweise im Kontext der Reichsgeschichte nicht akzeptiert werden würde: Je nach Vorliebe werden diachrone Einteilungen nach soziosexuellem Status (Jungfrau, Mutter, Witwe), nach Beruf und Tätigkeit (Kauffrau, Prostituierte), nach religiöser Funktion (Äbtissin, Nonne, Begine, Ketzerin, jüdische Frau ), dann wieder synchrone Aufgliederungen nach regionalen Schwerpunkten (Frauen in Köln, Frauen in Hamburg) oder nach rechtsgeschichtlichen, literatur- und kunsthistorischen Aspekten vorgenommen.

Um 1988 setzte sich in der BRD die Erkenntnis durch, daß die Frauenhistorie von einer geschlechterübergreifenden Forschung abgelöst werden müßte, die das »Geschlecht als soziale, kulturelle und historische Realität« (Gisela BOCK) reflektieren und auch die Binnenstrukturen innerhalb der jeweiligen Männer- und Fraueneinheiten untersuchen müsse. Aufgrund der Zurückhaltung der männlichen Forscher blieb das Geschlecht als Gegenstand der Geschichte aber noch etwa zehn Jahre lang weitgehend an die Subjektivität der Forscherinnen gebunden, so daß weiterhin – trotz der vergrößerten Perspektive – rein frauenspezifische Aspekte und Inhalte im Vordergrund des Interesses standen.
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Die Rezeption der anglophonen Masculinity-Forschung und die Anstöße durch Geschlechterhistorikerinnen wie Gisela BOCK, Bea LUNDT und andere, weckten sodann das Bewußtsein dafür, als drittes auch die Männlichkeitskonzepte und Männerrollen des Mittelalters als gleich-berechtigtes Interpretament zu berücksichtigen. Allerdings hatte Bernd-Ulrich HERGEMÖLLER bereits seit 1984 (das heißt, seit der von Ferdinand Seibt geleiteten »Krise-Tagung« in Bad Wiessee) als erster deutscher Mediävist damit begonnen, den Zugang zu einer bestimmten, bislang streng tabuisierten Kategorie mittelalterlicher Männer, zu den »Sündern wider die Natur« oder »Sodomitern«, zu erschließen. In der Auseinandersetzung mit der internationalen Kontroverse zwischen »Essentialisten« und »Konstruktivisten« suchte er später dialektisch zu vermitteln, indem er darauf hinwies, daß es einerseits unmöglich sei, konkrete Quellenaussagen über vergleichbare Verhaltensformen auszublenden, andererseits aber ebenso unmöglich, anzunehmen, daß nicht alle historischen Texte bereits sprachlich und interpretativ vermittelt seien, bevor sie zum Gegenstand historiographischer Untersuchungen werden können. Ebenso wie die gesamte Debatte »Essentialism versus Constructivism« wurden diese Untersuchungen zur Männlichkeitsforschung jedoch von der herrschenden Mediävistik so lange wie möglich ignoriert und erst mit etwa fünfzehnjähriger Verspätung rezipiert.

Im Bereich der US-amerikanischen Mediävistik erschienen seit 1994 mehrere Sammelbände, die sich am Beispiel unterschiedlicher Sozialrollen und verschiedener literarischer Texte mit dem mittelalterlichen Verständnis von Männlichkeit auseinandersetzten.

Im deutschsprachigen Bereich wurde 1998 erstmals ein Band vorgelegt, der explizit die »Konstruktion von Männlichkeit« vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit thematisiert. Inhaltlich werden hier auf der einen Seite unterschiedliche Rollen und Identitäten wie Priester, Sodomiter, Alkoholiker, Blasphemiker durchdekliniert, auf der anderen Seite aber hermeneutische Analysen nicht-historiographischer Texte wie Leichenpredigten, Jesuitentraktate und Kriminal-akten vorgenommen.

Diese Phase der Einzelstudien wurde durch Wolfgang SCHMALE überwunden, der eine diachron und interdisziplinär gestaltete Synthese der Männlichkeits-bilder von der Renaissance bis zum 20. Jahrhundert entwarf. Hierin wird mit Hilfe von Texten italienischer Dichter und Philosophen des 15. Jahrhunderts die Theorie entfaltet, daß sich in dieser Zeit das theoretische Konzept eines "Neuen Adam" durchzusetzen begonnen hätte: Die "neuen" Männer hätten sich nicht mehr über Körperkraft und Fleischeslust, sondern über Geist und Wort definiert und die Sozialrollen des Dichters, Hausvaters und Hofmanns favorisiert.
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Während die mediävistische Männerforschung gerade erst damit begonnen hat, ihre Claims abzustecken, zeichnen sich bereits gewisse Umrisse einer Geschlechtergeschichte ab, die sich explizit von der Partikularisierung der Sexualgeschichte löst und der generellen Frage folgt, was die Kategorie 'Geschlecht' für die Historiographie (an sich) bedeute und welche Erkenntnis-fortschritte sich aus deren Anwendung erhoffen lassen.

Diese Frage soll an dieser Stelle unter spezifisch mediävistischen Aspekten aufgegriffen werden: Was trägt die Kategorie 'Geschlecht' (genus, sexus) zur kognitiven Substanz der Mittelalterforschung bei? Welche Legitimität kommt einem Begriff zu, der sich in dieser Form nicht im Selbstverständnis der mittelalterlichen Menschen nachweisen läßt? Führt er zu einer weiteren, tendenziell unbegrenzten Zerstückelung der Gesamtgeschichte oder eröffnet er neue hermeneutische Zugriffsmöglichkeiten jenseits von »Zeitgeist« und Irrelevanz?

Zweifelsohne trägt der Geschlechterbegriff noch immer dazu bei, die herrschende Auffassung von Gesamtgeschichte zu verunsichern, weil er die Notwendigkeit einer Neubetrachtung reklamiert, die nicht nur auf Erweiterung des Personen- und Faktenreservoirs abzielt, sondern auch und in erster Linie auf Re-flexion der Grundprinzipien des Geschichtsverständnisses: Er führt die breite Kluft zwischen der Sichtweise der herrschenden, noch immer weitgehend männlich bestimmten, Historiographie und den veränderungsethischen Chancen einer geschlechtsspezifischen Wahrnehmung der Quellen vor Augen, indem er liebgewonnene Klischees destruiert und neue Realitätsräume eröffnet. Die »Gender«-Sicht impliziert auch einen Angriff auf das altbewährte Korsett der Historiographie, die Chronologie. Sie führt heraus aus dem wohnlichen Gehäuse einer Einheits- und Gesamtgeschichte, indem sie sowohl die klassische Einteilung des Mittelalters in ein »frühes«, »hohes« und »spätes« als auch die gesamtgeschichtliche Epochengliederung »Altertum«, »Mittelalter« und »Neuzeit« in Frage stellt. Noch immer ist die rhetorische Frage Joan Kellys von 1977 »did women have a Renaissance?« ohne Antwort geblieben, die Frage also, ob die Frauen spürbaren Anteil an den Epochen kulturellen Aufschwungs, geistigen Wandels und langfristiger ökonomischer Transformationen gehabt hätten. Dieselbe Fragestellung ließe sich auf sexuelle Minoritäten, besonders auf Homosexuelle, ausdehnen.

Es versteht sich von selbst, daß das »gendering of the Middle Ages« ein Programm von weitreichendem Ausmaß und großem Materialaufwand bedeutet. An dieser Stelle soll lediglich angedeutet werden, in welcher Form sich dessen Grundprobleme und Aspekte systematisch gliedern und ordnen lassen könnten. Um der Gefahr zu entraten, vorab im Sumpf der bibliographischen Angaben zu ersticken, wurden die Anmerkungen auf die Quellenbelege und auf diejenigen Darstellungen beschränkt, die zugleich bibliographischen Charakter besitzen.
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